Die alte Pfarrkirche in Sendling

St. Margaret

Eine eherne Zeugin bayerischer Geschichte.
Wer vor ihren Mauern steht, blickt nicht nur auf Architektur, sondern auch auf das Schicksal derer, die für ihre Freiheit alles wagten.

Architektonischer Ursprung und Wandel

Die Kirche thront markant auf dem Sendlinger Berg. Während ihre Fundamente und der Kern des Turms noch auf die Gotik (14. Jahrhundert) zurückgehen, verdankt sie ihr heutiges Erscheinungsbild weitgehend dem frühen 18. Jahrhundert.

  • Der Stil: Nach schweren Beschädigungen im Spanischen Erbfolgekrieg wurde die Kirche zwischen 1711 und 1713 von Wolfgang Zwerger neu gestaltet. Sie präsentiert sich heute als ländlich-charmanter Barockbau, der im Inneren durch Lichtfülle und feine Stuckarbeiten besticht.
  • Das Äußere: Besonders markant ist die schlichte, aber würdevolle Fassade, die sich harmonisch in das alte Dorfensemble von Sendling einfügt – ein starker Kontrast zur monumentalen „Neuen St. Margaret“, die Anfang des 20. Jahrhunderts schräg gegenüber errichtet wurde.

Die „Sendlinger Mordweihnacht“ von 1705

Man kann über die Alte Sendlinger Kirche nicht sprechen, ohne das tragischste Kapitel der Münchner Stadtgeschichte zu erwähnen: die Sendlinger Mordweihnacht.

Im Jahr 1705 erhoben sich bayerische Bauern und Bürger gegen die österreichische Besatzungsmacht (unter Kaiser Joseph I.). Der Aufstand gipfelte in der Nacht auf den 25. Dezember. Die schlecht bewaffneten Rebellen versuchten, München zu stürmen, wurden jedoch nach Sendling zurückgetrieben.

Das Massaker: Trotz ihrer Kapitulation wurden die Aufständischen von den kaiserlichen Truppen gnadenlos niedergemetzelt. Viele der Bauern suchten Zuflucht auf dem ummauerten Friedhof der Alten Sendlinger Kirche, in der Hoffnung auf kirchliches Asyl – vergebens. Circa 1.100 Männer ließen in dieser Nacht ihr Leben.

Der Schmied von Kochel: Legendär ist die Figur des (historisch nicht eindeutig belegten) Schmieds von Kochel, der bis zuletzt die Fahne des Widerstands gehalten haben soll und vor den Toren der Kirche fiel.

Kunsthistorische Schätze

Im Inneren und an der Außenfassade finden sich bedeutende Zeugnisse, die die Erinnerung an diese Zeit wachhalten:

  • Das große Fresko: An der nördlichen Außenwand prangt ein überdachtes monumentales Wandgemälde von Wilhelm Lindenschmit d.Ä. (1830), das die entscheidende Schlacht und das bittere Ende der Bauern zeigt. Im Zentrum des Bildes steht der Schmied von Kochel der von zwei Panduren angegriffen wird und trotz der ausweglosen Lage die weiß-blaue Fahne hochhält.
  • Der Hochaltar: Ein prachtvolles Werk des frühen Rokoko, das die Heilige Margareta von Antiochia zeigt, die Patronin der Kirche.
  • Überbleibsel der früheren Kirche: Reste der 1711 abgerissenen gotischen Kirche sind noch in den Fundamenten und im Turm vorhanden, allerdings nicht sichtbar. Einzig ein kleines Glasgemälde ist aus dem Vorgängerbau noch erhalten und wurde in die Mitte des linken Apsisfensters eingesetzt. Das kleine Fenster ist mit „Lienhart Ötl 1493“ signiert und datiert.

Bedeutung in der Gegenwart

Heute ist die Alte Sendlinger Kirche ein Ort der Stille und des Gedenkens. Jedes Jahr am 4. Adventssonntag und an Heiligabend wird der Opfer der Mordweihnacht gedacht. Sie fungiert als Identifikationspunkt für den Stadtteil Sendling und bewahrt den dörflichen Charakter inmitten der expandierenden Landeshauptstadt.

Die Alte Sendlinger Kirche St. Margaret ist weit mehr als nur ein Sakralbau im Münchner Süden. Sie ist ein steinernes Geschichtsbuch, ein Symbol bayerischen Widerstandsgeistes und ein architektonisches Juwel, das den Übergang von der Gotik zum Barock atmet.