Bayern im Spanischen Erbfolgekrieg
Bayern war in der Barockzeit gegliedert in die Rentämter München, Burghausen, Landshut und Straubing, hat eine Gesamtbevölkerung von etwa 1,2 Millionen Einwohnern und war in seinem wirtschaftlichen Gefüge ein Agrarstaat. Seit 1679 regierte der ehrgeizige Kurfürst Maximilian II. Emanuel (kurz ‚Max Emanuel‘, auch bekannt als „Blauer Kurfürst“) das Land.
Da der spanische König Karl II. kinderlos geblieben war bestimmte er zunächst den Sohn Max Emanuels aus erster Ehe, Kurprinz Joseph Ferdinand, zum Erben des spanischen Weltreichs. Nach dem plötzlichen Tod des sechsjährigen Kindes 1699 entschloss sich Karl II. kurz vor seinem Ableben 1700 Philip von Anjou, den zweiten Enkelsohn des französischen Königs Ludwig XIV und Neffe Max Emanuels zum Universalerben für die spanisch-habsburgischen Gebiete einzusetzen. Dieser Machtzuwachs für die französische Seite rief nun die anderen europäischen Mächte auf den Plan und war mit Ursache für den Spanischen Erbfolgekrieg.
Kurfürst Max Emanuel schloss ein Bündnis mit Frankreich (Bayerische Diversion), überfiel 1702 Ulm, 1703 Neuburg und Regensburg, wagte sogar einen Vorstoß nach Tirol, musste sich jedoch wieder zurückziehen. Da die habsburgischen Erblande nun unmittelbar bedroht waren, stellten die vereinigten Heere von Prinz Eugen von Savoyen und John Churchill, Herzog von Marlborough, bei Höchstätt 1704 die bayerisch-französische Allianz unter Max Emanuel und dem Marschall Tallard zur Schlacht und brachten ihnen eine vernichtende Niederlage bei. Die Verluste auf beiden Seiten betrugen etwa 13.000 Tote und Verwundete. Bayern wurde besetzt. Max Emanuel floh nach Brüssel.
Die Aufstände in Niederbayern und im Oberland
Die Brandschatzungen, Einquartierungen fremder Truppen, Übergriffe der Besatzer und die Erhöhung der Steuerlast auf das Siebenfache des bisherigen Jahresbetrags waren eine schwere Belastung für die bayerische Bevölkerung. Als jedoch die Kaiserlichen begannen, Rekruten für ihre Armeen in Italien und Ungarn auszuheben, stießen sie auf ernsthaften Widerstand. Zwei Männer, Georg Sebastian Plinganser und Johann Georg Meindl, übernahmen nun im Unterland die Führung und schufen eine militärische Organisation aus dieser Volksbewegung. Die Festungen Braunau, Burghausen und Schärding wurden erobert und die »Kurbayerische Landesdefension« beherrschte mit ihren über 20.000 niederbayerischen Aufständischen bald das Unterland zwischen Isar und Inn. So war es nur folgerichtig, nach München zu marschieren, um die Stadt von der kaiserlichen Besatzung zu befreien.
Ab Ende November nahmen die Braunauer Aufständischen durch den ehemaligen kaiserlichen Kriegskommissär Matthias Ägidius Fuchs Verbindung zu den Oberländern im Tölzer Bereich auf. Am 18. Dezember 1705 fanden die Hauptberatung im Refektorium des Tölzer Franziskanerklosters und die Gründung der »Kurbayerischen Landesdefension des Oberlandes« statt, am 19. Dezember erfolgte der Aufruf ans ganze Oberland, sich bewaffnet am 22. Dezember in Schäftlarn zu sammeln.
Der Angriff auf München und die Schlacht bei Sendling
In Schäftlarn zählte man bei der Musterung 2.769 Mann mit einer zum Teil sehr ungenügenden Bewaffnung. Zur militärischen Führung verpflichtete man den ehemaligen Leibgardehauptmann Matthias Mayer, einen alten Freund des Kriegskommissärs Fuchs, der nun den Vormarsch nach München leiten sollte. Mehrere schlechte Nachrichten, wie die misslungene Vereinigung der Unterländer mit den Oberländern vor München, die Überwachung der Münchner Innenstadt durch die Besatzer und das Herannahen der Kaiserlichen Armee unter General Georg Freiherr von Kriechbaum, bestärkten Hauptmann Mayer in seinem Entschluss, das Vorhaben abzubrechen. Die Scharfmacher unter den Aufständischen, der Jägerwirt, der Student Passauer, der Leutnant Houis und der Jäger Adam zwangen ihn jedoch zum weiteren Vormarsch.
Die Oberländer, inzwischen nur mehr 2.300 Mann, teilten sich nun in drei Gruppen. Die Schützen unter Leutnant Aberle sollten den Roten Turm, ein dem Isartor vorgelagertes Bauwerk, nehmen und den Flussübergang sperren. Eine zweite Gruppe, ebenfalls 800 Mann, ging unter Oberleutnant Clanze am Glockenbach in Stellung, um einen Ausfall der Kaiserlichen am Sendlinger Tor oder Angertor zu verhindern. Der Rest unter Leutnant Heller bezog mit 700 Mann im Dorf Sendling eine Art Auffangstellung.
Die Kaiserlichen hatten durch militärische Aufklärung und einen Verräter aus den Reihen der Aufständischen, den Pflegsverwalter Öttlinger von Starnberg, genaue Kenntnis über die Bewaffnung und Stärke der Aufständischen und warteten nur noch auf die Ankunft des Generals von Kriechbaum. Schon standen am Isartor die fränkischen Grenadierkompanien des Oberstleutnants Lüttich bereit. Am Sendlinger Tor wartete der Stadtkommandant Oberst de Wendt mit der Kavallerie. Zunächst wurden die Aufständischen am Roten Turm angegriffen, eine halbe Stunde später kam es zu Kämpfen am Glockenbach. Vielleicht 250 Mann konnten sich nach Sendling durchschlagen.
Anschließend rückten Kriechbaum und de Wendt mit ihrer Infanterie, zusammen fünf Bataillone, gegen Sendling vor, während Oberst von Eck mit seiner Reiterei von Süden auf das Dorf zustieß. Um zehn Uhr war der Rest der Oberländer in Sendling völlig eingekreist und die Offiziere der Aufständischen, die Niederlage vor Augen, beschlossen aufzugeben. Nun kam es an diesem 25. Dezember 1705 zu einem wahren Gemetzel, das als Sendlinger Mordweihnacht in die Geschichte einging. Ungeachtet des bereits zugesicherten Pardons ließen die kaiserlichen Offiziere auf die Wehrlosen feuern. Von 2.300 Aufständischen sind insgesamt über 1.000 gefallen und 700 wurden gefangen genommen. Auf kaiserlicher Seite zählte man zusammen etwa 40 Gefallene und Verwundete. In Sendling selbst wurden 204 Aufständische begraben, darunter jedoch nur ein Sendlinger.
Die Führer des Aufstandes, Clanze, Aberle, Senser, Kittler und den Jägerwirt traf der Tod durch Schwert und Vierteilung. Die meisten anderen Anführer konnten aber entkommen. Sie fanden in der Bischofsstadt Freising Zuflucht, wie zum Beispiel Urban Heckenstaller oder der Posthalter von Anzing. Von dort schlugen sie sich zum Kurfürsten nach Brüssel durch. Dies gelang Hauptmann Gauthier, Leutnant Houis, dem Pfleger Alram, und dem Kommissär Fuchs.
Bei der Schlacht von Aidenbach Anfang Januar 1706 traf Kriechbaum auf ein etwa 4.000 Mann starkes Bauernheer, das unter starken Verlusten – nach Schätzungen etwa 2.000 Gefallene bei den Aufständischen – vollständig zersprengt wurde. Nach der Schlacht bei Aidenbach, am Handlberg, am Kleeberg, auf den Feldern von Unterskirchen und Töting und beim Reschendobel war der Widerstandswillen der Bauernschaft endgültig zusammengebrochen.
In Anbetracht des grausamen Blutvergießens verwendete sich nun der Fürsterzbischof von Salzburg, Johann Ernst von Thun und Hohenstein (1687–1709), dafür, dass wenigstens die Zwangsrekrutierungen beendet und den Rädelsführern das Leben geschenkt wurde.
Mit dem Frieden von Rastatt 1714 wurde nach der Verteilung der spanischen Gebiete die alte Ordnung in Europa wiederhergestellt. Bayern blieb selbständig und damit der Kaiser in Wien nicht zu mächtig wurde, setzte man Max Emanuel wieder als Kurfürsten ein.